Verteilungsentscheidungen: Wie kann man Bedarfsgerechtigkeit messen?

Prof. Dr. Mark Siebel

Universität Oldenburg

 

Entscheidungen sind auch dann zu treffen, wenn es um die Verteilung von Gütern und Dienstleistungen geht. Eine zentrale Rolle für solche Entscheidungen spielt die Gerechtigkeit der Verteilung. Aber wann ist eine Verteilung gerecht? Wenn jeder dasselbe bekommt? Wenn jeder das bekommt, was er sich verdient hat? Oder wenn jeder das bekommt, was er braucht? Der Vortrag konzentriert sich auf die letzte dieser Antworten, also auf Bedarfsgerechtigkeit.

 

Für die Berechnung von Gleichheit, beispielsweise bei Einkommen, gibt es Maße wie den Gini-Koeffizienten. Die Berechnung von Bedarfsgerechtigkeit ist dagegen bislang stiefmütterlich behandelt worden. Im Vortrag werde ich einen Vorschlag für ein Maß der Bedarfsgerechtigkeit präsentieren, das zwei Gerechtigkeitsideale zusammenbringt. Nach dem aristotelischen Ideal ist eine Verteilung bedarfsgerecht, wenn die Bedarfe aller Beteiligten im selben Ausmaß erfüllt sind — was auch im Falle identischer Untererfüllungen zutrifft. Das platonische Ideal fordert dagegen, dass alle Bedarfe erfüllt sind — was auch im Falle unterschiedlicher Übererfüllungen zutrifft. Die vorgeschlagene Funktion für die Berechnung von Bedarfsgerechtigkeit misst, wie stark die tatsächlichen Bedarfserfüllungen von den Bedarfserfüllungen abweichen, die sich aus diesen beiden Idealen ergeben. Je größer die Abweichung, umso ungerechter ist die Verteilung.