Das Zittern der Unsichtbaren Hand

Prof. Dr. Klaus Pawelzik

Institut für Theoretische Physik, Universität Bremen

 

Um Ziele zu erreichen muss eine Agentin die Folgen ihrer möglichen Handlungen abschätzen. Dabei ist es günstig wenn sie ihre jeweils aktuelle Situation versteht. Insbesondere sollte sie die erwarteten Gewinne und Verluste gegeneinander abwägen. Da aber niemand die Welt genau kennen kann, basieren individuelle Entscheidungen höherer Lebewesen auf Lernen.

 

Bereits in einfachen Spielen zeigt sich, dass Menschen oft auch nach vielen Runden nicht das für ihr eigenes Ziel optimale (sogenannte 'rationale') Verhalten zustande bringen. Ausserdem findet man in der Bewegungskontrolle (wie z.B. beim Balancieren eines Stabes) erstaunlich große Schwankungen, die ebenfalls 'irrational' erscheinen könnten. Schließlich beobachtet man sowohl in Gruppenspielen wie auch in Finanzmärkten extreme Fluktuationen des kollektiven Verhaltens, die der Hypothese zu widersprechen scheinen, dass Menschen wenigstens gemeinsam zu rationalen Entscheidungen in der Lage sind.

 

Belegen diese experimentellen Befunde, dass gewissermaßen 'Konstruktionsfehler' des Gehirnes eine Hauptursache von irrationalem Verhalten sind? Nicht unbedingt. Zum einen erscheint dies angesichts der evolutionären Optimierung des Lernvermögens wenig plausibel. Zum anderen belegt die Analyse einfacher Modelle des Lernens in dynamischen Umgebungen mit Methoden der Physik, dass Lernen als Anpassung des Verhaltens auf der Grundlage vergangener Erfahrungen nicht zwangsläufig in Systemzustände führt, die für das Individuum optimal sind. Tatsächlich zeigt sich, dass extreme Schwankungen eine natürliche Folge idealer Kontrolle sein können. Insbesondere werde ich einen Mechanismus vorstellen, der sogar optimal adaptierende Agenten in kollektive Zustände bringen kann, in denen sie im Zusammenspiel mit der Welt katastrophische Wirkungen entfalten. Dieser universelle Mechanismus könnte z.B. die notorischen Preisschwankungen an Finanzmärkten erklären (siehe dazu auch The Seesaw Game). Diese Ergebnisse demonstieren, wie die Sichtweise der Physik dazu beitragen kann die Dynamik komplexer Systeme auch aus der Biologie, der Psychologie und der Ökonomik zu verstehen.