Entscheidung, Willensfreiheit, Zurechnung

Prof. Dr. Georg Mohr

Institur für Philosophie, Universität Bremen

 

 

Was meinen wir, wenn wir sagen, dass eine Person etwas entscheidet? Wir meinen damit, dass das Handeln dieser Person das Resultat ihrer Überlegungen über relevante Gründe ist. Und wir nehmen an, dass in dieser Fähigkeit von Personen, aufgrund eigener Überlegungen zu entscheiden, menschliche Freiheit zum Ausdruck kommt. Es ist dies eine unserer Alltagspraxis implizite Annahme. Mit ihr begründen wir auch, warum wir Personen für ihr Handeln loben oder tadeln.

 

Wie berechtigt aber ist diese Annahme? Sind wir denn wirklich frei? Das wissen wir nicht. Es ist aber eine soziale Tatsache, dass wir so miteinander umgehen, als ob wir zu dieser Annahme berechtigt wären. Dies betrifft nicht nur die informelle moralische Alltagspraxis, sondern auch professionalisierte öffentliche Entscheidungsagenturen wie Strafgerichte. Wem strafrechtlich ein gesetzwidriges Handeln zugerechnet wird, dem wird grundsätzlich unterstellt, er hätte, statt gegen die Strafnorm zu verstoßen, auch gesetzeskonform handeln können: Er hätte auch anders handeln können. Dies gilt wie ein Axiom unserer gesamten Rechtspraxis. Freiheit als Anders-handeln-Können ist offenbar eine für das Recht konstitutive Prämisse: Mit ihr steht und fällt die Legitimität von Recht.

 

Was wäre nun, wenn die Freiheitsannahme ein Irrtum wäre? Je mehr wir über die menschliche Natur und insbesondere über Funktionsweisen des Gehirns erfahren, desto dichter scheint das Netz kausaler Determination menschlichen Fühlens und Denkens und desto enger scheinen die Spielräume für Freiheit zu werden. Wenn aber Freiheit nur eine Illusion ist, dann ist Strafe ein Verbrechen – so lautet eine derzeit populäre Bilanz.

 

Im Vortrag wird die implizite Logik der Argumente untersucht, die zu dieser Bilanz führen sollen. In Umkehrung dieser Logik wird Freiheit unabhängig von den immer noch dominierenden substanzontologischen Präjudizien als soziale Tatsache re-konstruiert: Freiheit nicht als metaphysische Voraussetzung der Legitimität der Rechtspraxis, sondern als deren Funktion.

Forschungsschwerpunkte und Publikationen:

Prof. Georg Mohr, FB 9 Kulturwissenschaften